Warum der «World Right to Die»-Tag so wichtig ist
02. November 2026
Gastbeitrag von Peter Warren*
Jedes Jahr am 2. November halten Menschen auf der ganzen Welt inne, um der Verstorbenen zu gedenken. In katholischen Gebieten heisst der Tag beispielsweise «Allerseelen», in Mexiko ist es der «Día de los Muertos» (Tag der Toten). Man zündet Kerzen an, legt Blumen nieder und versammelt sich an den Gräbern. Unsere Bewegung hat dasselbe Datum für den World Right to Die Day gewählt – und das passt gut. Denn der 2. November ist ein Tag, an dem wir uns daran erinnern, wie Menschen gelebt haben. Und er ist auch der Tag, an dem wir eine Freiheit würdigen, die jedes Jahr wächst: das Recht, selbst zu entscheiden, wie wir sterben.
Zum ersten Mal begingen wir von der World Federation of Right to Die Societies (WFRtDS) diesen Tag 2008 an unserer Konferenz in Frankreich. Dieses Jahr findet die Feier zum 19. Mal statt. Alles begann mit einer Handvoll Veranstaltungen. Heute begehen unsere Mitgliedsorganisationen den Tag auf der ganzen Welt. Es gibt Vorträge und Mahnwachen, Filmvorführungen, Konzerte und Zusammenkünfte. Jede Organisation gestaltet den Tag auf ihre eigene Weise, und genau das ist eine der Stärken. Bei all diesen lokalen Aktivitäten ist es dennoch angezeigt, einen Schritt zurückzutreten und das weltweite Gesamtbild zu betrachten. Dieses Jahr gibt es viel zu feiern.
Erfolge
Wir nutzen diesen Welttag jeweils, um die Menschen in den Mittelpunkt zu stellen. 2022 erstellten wir eine «World of Champions»-Karte: Sie erzählte die Geschichten jener Menschen, die sich in den verschiedensten Regionen weltweit für Veränderungen hin zum Recht auf Selbstbestimmung über das eigene Lebensende eingesetzt haben. 2023 wählten unsere Mitgliedsorganisationen die Ärztinnen, Ärzte und Pflegefachpersonen aus, denen sie besonders danken wollten: Sie ermöglichen ein würdevolles, menschliches, sicheres Sterben und setzen Gesetze in konkrete Betreuung am Krankenbett um. Auch dieses Jahr verdienen sie unseren Dank. Letztes Jahr produzierte die WFRtDS eine Reihe von Webinaren einer wachsenden gesundheitlichen Herausforderung: Demenz. So viele wunderbare Menschen erzählten, was Demenz für sie selbst und ihre Angehörigen bedeutet.
Wir dürfen ausserdem an politische Erfolge dieses Jahr erinnern.
Frankreich hat im Juli sein Gesetz zur Sterbehilfe verabschiedet. Der Senat hatte es dreimal abgelehnt, aber unsere Mitstreitenden von ADMD, Le Choix und anderen Organisationen liessen nicht locker. Beharrlichkeit zahlt sich aus. Uruguay ist nun das erste Land Lateinamerikas, das ein entsprechendes Gesetz durch sein Parlament gebracht hat. Das Gesetz des US-Bundesstaates New York ist in Kraft, auch Illinois hat ein eigenes Gesetz verabschiedet. Im August erhielt zudem das australische Northern Territory seine Rechte zurück – fast dreissig Jahre, nachdem es weltweit eine Vorreiterrolle übernommen hatte. Damit gibt es nun in jedem australischen Bundesstaat und Territorium ein Sterbehilfe-Gesetz (Voluntary Assisted Dying VAD).
Herausforderungen
Nichts davon ist dem Zufall zu verdanken. Und nichts davon ist selbstverständlich. Wie Rechtsanwalt Ludwig A. Minelli, verstorbener Gründer von DIGNITAS – Menschenwürdig leben – Menschenwürdig sterben, stets sagte: «Menschenrechte müssen erkämpft und immer wieder verteidigt werden.» Unsere Gegner sind gut organisiert und finanziell potent. Sie arbeiten über Landesgrenzen hinweg. In den Vereinigten Staaten von Amerika haben sie Gerichtsverfahren angestrengt, um neue Gesetze zu verhindern. Im Kongress wollen sie erreichen, dass sich das Repräsentantenhaus gegen uns ausspricht.
Die katholische Kirche ist nach wie vor entschieden gegen uns und setzt erhebliche Mittel ein, um ihren Einfluss geltend zu machen. Auch in Schottland, in England & Wales und in Kanada mussten wir dieses Jahr Rückschläge hinnehmen.
Slowenien zeigt, weshalb wir wachsam bleiben müssen: 2024 sprachen sich 55 Prozent der Stimmberechtigten für die Legalisierung von Sterbehilfe aus. Im vergangenen Juli verabschiedete das Parlament das Gesetz. Daraufhin erzwangen unsere Gegner eine zweite Abstimmung. Im November wurde das Gesetz mit 53 zu 47 Prozent verworfen. Die von der Kirche unterstützte Nein-Seite argumentierte damit, dass die Betreuung sterbender Menschen Vorrang haben müsse sowie dass die Schutzbestimmungen zu schwach seien. Und sie erhielt dafür Unterstützung aus dem Ausland.
Die in Kanada ansässige «Euthanasia Prevention Coalition» hat mit Stolz über ihre Rolle dabei berichtet: Sie versorgte die Kampagne mit Artikeln, Interviews und Filmmaterial. Ihr Leiter war durch das Land gereist, um davor zu warnen, dass Slowenien wie Kanada enden würde. Menschen von ausserhalb des Landes griffen ein, um einen Volksentscheid rückgängig zu machen, den die Bevölkerung Sloweniens getroffen hatte. Daraus müssen wir lernen. Beim nächsten Mal müssen wir vorbereitet sein.
Gemeinsam stark
Deshalb ist der 2. November so wichtig. Die Gegner der Sterbehilfe arbeiten über Landesgrenzen hinweg – das müssen wir auch. An diesem einen Tag sprechen mehr als sechzig Organisationen in über dreissig Ländern mit einer Stimme. Das ist unsere stärkste Antwort. Für viele Unterstützerinnen und Unterstützer ist es zugleich ein Tag, an dem sie sich weniger allein fühlen. Ein Tag, an dem sie erkennen, dass sie Teil von etwas sind, das weit über ihr eigenes Land hinausgeht.
Es ist ein Tag, an dem wir sehen, wie weit wir gekommen sind. Ein Tag, an dem wir jenen danken, die den Weg geebnet haben, etwa Ramón Sampedro in Spanien, Sue Rodriguez in Kanada oder Catalina Giraldo Silva in Kolumbien. Sie haben mit ihrem eigenen Leben für dieses Anliegen gekämpft. Und es ist ein Tag, an dem wir uns an all jene erinnern, die gestorben sind, ohne die von ihnen gewünschte Wahlmöglichkeit gehabt zu haben und an dem wir umso mehr dafür sorgen, dass anderen dieses Schicksal erspart bleibt.
Die Mehrheit der Menschen in den meisten Ländern will dieses Recht. Die Entwicklung ist auf unserer Seite. Sie verläuft langsam, aber sie ist real, und jedes neue Gesetz macht das nächste ein wenig einfacher. Unsere Mitgliedsorganisationen sind stärker denn je und arbeiten eng zusammen.
Die WFRtDS verfügt inzwischen als internationale Nichtregierungsorganisation über einen eigenen rechtlichen Status. Das bedeutet, dass wir uns nun direkt an den Orten für Sterbehilfe einsetzen können, an denen die wichtigen Entscheidungen getroffen werden.
Dieses Jahr werde ich zum World Right to Die Day in Brüssel sein, um die nächste Phase von Last Right mit auf den Weg zu bringen. Diese Kampagne haben wir diesen Sommer in Barcelona gemeinsam mit unseren Kolleginnen und Kollegen von Eumans lanciert. Ihr Ziel ist es, sicherzustellen, dass Patientenverfügungen in ganz Europa respektiert werden.
Wo auch immer Sie sind: Ich hoffe, Sie werden den Tag gemeinsam mit uns begehen. Organisieren Sie eine Veranstaltung. Stossen Sie auf uns an. Schreiben Sie Ihrer politischen Vertretung. Oder lassen Sie Andere an Ihren Geschichten rund um das «letzte Menschenrecht» teilhaben. Gemeinsam sind wir in mehr als dreissig Ländern auf einmal eine Bewegung, die man nicht ignorieren kann.
*Peter Warren ist Executive Director der World Federation of Right to Die Societies (WFRtDS).