ENGLAND UND WALES – Das Scheitern des britischen Gesetzentwurfs zur Sterbehilfe: Wie das House of Lords die Hoffnungen der Nation enttäuschte
20. Mai 2026
Gastbeitrag von Dave Sowry*
Für Leser ausserhalb des Vereinigten Königreichs mag die kürzlich erfolgte Ablehnung des Gesetzentwurfs «Terminally Ill Adults (End of Life) Bill» verwirrend erscheinen.
Der Gesetzentwurf hätte es urteilsfähigen, terminal erkrankten Erwachsenen in England und Wales ermöglicht, unter strengen Sicherheitsbestimmungen medizinische Unterstützung zur Beendigung ihres eigenen Lebens zu beantragen. Er war auf Erwachsene beschränkt, deren Tod innerhalb von sechs Monaten zu erwarten war, erforderte die Zustimmung mehrerer Ärzte und sah Kontrollmechanismen vor, die Zwang oder Missbrauch verhindern sollten. Viele Aktivisten bezeichneten ihn als den «sichersten Gesetzentwurf zur Sterbehilfe weltweit».
Im Juni 2025 wurde der Gesetzentwurf im House of Commons (Unterhaus) mit 314 zu 291 Stimmen angenommen, was den Befürwortern Hoffnung gab, dass eine Reform der Sterbehilfe endlich in greifbare Nähe gerückt sei.
Im britischen Parlament muss ein Gesetzentwurf jedoch auch das nicht gewählte House of Lords (Oberhaus) passieren, bevor er in Kraft treten kann. Das House of Lords soll die von gewählten Abgeordneten verabschiedeten Gesetze prüfen und verbessern – und nicht als letzte Entscheidungsinstanz fungieren.
Filibuster im House of Lords
Der Gesetzentwurf durchlief jedoch nie den gesamten Prozess im House of Lords. Während der Behandlung im House of Lords wurden über 1200 Änderungsanträge eingereicht, von denen viele bereits ausführlich diskutierte Themen erneut aufgriffen. Die Gegner konnten stundenlang zu Änderungsanträgen sprechen, die kaum Aussicht auf Erfolg hatten, während die Befürworter hilflos zusehen mussten, wie die zur Verfügung stehende Zeit verstrich.
Behauptungen der Gegner, der Gesetzentwurf sei nicht gründlich genug geprüft worden, sind haltlos. Er durchlief monatelange Debatten im House of Commons, eine detaillierte Prüfung im Ausschuss, mehrere Abstimmungen sowie umfangreiche Anhörungen zu rechtlichen und medizinischen Fragen. Dem ging eine eingehende Untersuchung durch den Ausschuss für Gesundheit und Soziales des House of Commons voraus. Die Sterbehilfe selbst wird im Parlament seit mehr als einem Jahrzehnt immer wieder diskutiert.
In der Folge scheiterte der Gesetzentwurf nach monatelangen Debatten – nicht, weil das Parlament gegen die Sterbehilfe gestimmt hätte, und auch nicht, weil die öffentliche Unterstützung nachgelassen hätte. Sämtliche Umfragen dokumentieren weiterhin eine grosse öffentliche Zustimmung zur Reform der Sterbehilfe im Vereinigten Königreich: Rund acht von zehn Personen befürworten die Möglichkeit von Sterbehilfe für terminal erkrankte Erwachsene unter strengen Schutzmassnahmen. Doch stattdessen sorgte eine kleine Gruppe entschlossener Gegner dafür, dass dem Gesetzentwurf schlichtweg die Zeit ausging.
Für zahlreiche Aktivisten und terminal erkrankte Menschen, die von ausserhalb Westminsters zusahen, war es schwer, nicht zum Schluss zu kommen, dass es die Demokratie war, die versagt hatte. Die Abgeordneten des House of Commons stimmten für eine Änderung. Medizinische, rechtliche und ethische Aspekte wurden eingehend geprüft. Über Schutzmassnahmen wurde ausführlich debattiert. Dennoch gelang es dem Parlament nicht, zu einem endgültigen Ergebnis zu kommen.
Die Folgen für leidende Menschen
Für terminal erkrankte Menschen ist Verzögerung keine abstrakte verfassungsrechtliche Frage. Zeit ist entscheidend. Jeder Monat ohne Reform bedeutet, dass mehr Menschen am Ende ihres Lebens unerträgliches Leid ertragen müssen, ohne Wahlmöglichkeit, Würde oder Selbstbestimmung.
Während der Debatten zum Gesetzentwurf berichteten Aktivisten wiederholt von Menschen, die unter Schmerzen starben, während sie auf eine Gesetzesänderung warteten. Eine Unterstützerin, Kate – deren unheilbar kranker Bruder Dan zur Freitodbegleitung in die Schweiz gereist war –, sprach über ihre Erfahrungen. Ihre Worte waren die letzten, die im House of Lords vor Abschluss der Beratungen zu hören waren. Sie sagte, ein Scheitern des Gesetzentwurfs würde bedeuten, dass «Menschen unnötig und gegen ihren Willen leiden und sterben müssen» und dass «die britische Öffentlichkeit im Stich gelassen wurde».
Anhaltende Forderung nach Veränderung und Fortsetzung der Kampagne
Auch wenn das Ergebnis eine bittere Enttäuschung war, sollten die Aktivisten erkennen, was sie erreicht haben: In den letzten Wochen der Gesetzgebungsphase bauten die Befürworter der Reform einen noch nie dagewesenen öffentlichen Druck auf. Tausende Menschen wandten sich an Mitglieder des House of Lords und des House of Commons. Persönliche Berichte von unheilbar Kranken und Hinterbliebenen fanden im Parlament und in den Medien Gehör. Die Aktivisten analysierten Redezeiten, Änderungsanträge und Verfahrensinterventionen und argumentierten, dass eine relativ kleine Zahl von Peers (Mitglieder des House of Lords) einen unverhältnismässig grossen Teil der Debattenzeit für sich beanspruchte.
Das öffentliche Bewusstsein dafür, wie die nicht gewählte Kammer Gesetzesvorschläge vereiteln kann, hat erheblich zugenommen, ebenso wie die Erkenntnis, dass weltweit immer mehr Länder Gesetze für eine sichere Sterbehilfe einführen, während das Vereinigte Königreich hinterherhinkt.
Das Scheitern dieses Gesetzentwurfs ist daher nicht das Ende der Kampagne.
Die Aufmerksamkeit richtet sich bereits auf Möglichkeiten zur Wiedereinführung entsprechender Gesetzesvorlagen, darunter die bevorstehende Auslosung von Abgeordnetenanträgen in Westminster. Wir sind uns bewusst, dass grosse gesellschaftliche Reformen selten einfach sind. Doch derart verworren sollte es wirklich nicht sein.
Die Ereignisse der letzten Monate haben bei vielen Menschen Wut und Frustration ausgelöst. Doch sie haben auch etwas Wichtiges verdeutlicht: Die Forderung nach Veränderung wird nicht verschwinden.
Für viele Befürworter ist nicht so sehr Thema, ob eine Reform der Sterbehilfe im Vereinigten Königreich stattfinden wird, sondern wie viele Menschen noch unnötig leiden müssen, bevor das Parlament eine solche zulässt.
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* Dave Sowry ist Co-Vorsitzender von «My Death, My Decision» – einer Basisbewegung, die sich dafür einsetzt, dass urteilsfähige Menschen, die unerträglich unter einer unheilbaren und irreversiblen körperlichen Erkrankung leiden, die Möglichkeit einer Sterbehilfe einräumt. Im September 2022 begleitete er seine Frau Christy zu Dignitas – Menschenwürdig leben – Menschenwürdig sterben.