SCHOTTLAND – Glaube, Politik und die Ablehnung des schottischen Gesetzesentwurfs zur Sterbehilfe
30. April 2026
Gastbeitrag von Peter Warren*
Die Abstimmung und was sie verbirgt
Am 17. März 2026 lehnte das schottische Parlament mit 69 zu 57 Stimmen den Gesetzentwurf über die Sterbehilfe für unheilbar kranke Erwachsene («Assisted Dying for Terminally Ill Adults (Scotland) Bill») ab. Die Abstimmung erfolgte ohne Fraktionszwang und wirft eine heikle, jedoch notwendige Frage auf: Wenn gewählte Vertreter im Einklang mit ihrem persönlichen Glauben gegen den nachweislichen Willen der Menschen stimmen, die sie vertreten, ist das dann gelebte Demokratie oder verweigerte Demokratie?
In zahlreichen Umfragen sprechen sich regelmässig etwa 75 Prozent der Schottinnen und Schotten für die Legalisierung der Sterbehilfe aus, unabhängig von Parteizugehörigkeit, Religion oder gesundheitlicher Einschränkung. Dennoch unterstützten am Ende nur 57 der 128 stimmenden Mitglieder des schottischen Parlaments (MSPs) den Gesetzentwurf. Zwölf Abgeordnete, die in der ersten Lesung die allgemeinen Grundsätze noch befürwortet hatten, wechselten bei der Schlussabstimmung in die Opposition. Die freie Abstimmung, die einen persönlichen Gewissensentscheid frei von Parteidoktrin ermöglichen sollte, bot politischen Schutz, um religiös begründete Überzeugungen als rein persönlich, ethisch oder strukturell problematisch darzustellen. Eine breite Mehrheit der Öffentlichkeit sah sich von einer fokussierten, organisierten Opposition ausmanövriert, die genau wusste, woran sie glaubte und warum.
Die wichtigsten Politiker
Die Rolle hochrangiger Politiker ist ein wichtiger Aspekt, den es zu berücksichtigen gilt. Zu denjenigen, die mit Nein gestimmt haben, gehörten der Erste Minister der Scottish National Party (SNP), John Swinney, die stellvertretende Erste Ministerin Kate Forbes, die ehemaligen Ersten Minister Nicola Sturgeon und Humza Yousaf sowie der Vorsitzende der Scottish Labour Party, Anas Sarwar – viele von ihnen sind für ihre religiöse Bindung bekannt. Swinney, ein praktizierendes Mitglied der Church of Scotland, soll sich Berichten zufolge privat an seine SNP-Kollegen gewandt haben, um sie zum Umschwenken zu bewegen – ein bemerkenswerter Akt informeller Einflussnahme für einen Politiker, dessen Regierung offiziell eine neutrale Haltung einnahm.
Die Rolle von Kate Forbes scheint entscheidend gewesen zu sein. Sie ist Mitglied der Free Church of Scotland, einer evangelikalen calvinistischen Glaubensgemeinschaft mit streng konservativen Positionen zu Bioethik und der Unantastbarkeit des Lebens. Sie achtete darauf, ihre Argumente in säkularen Begriffen zu formulieren, und führte dabei das Risiko von Zwang, unzureichende Schutzmassnahmen und Ängste von Menschen mit Behinderung an. Sie berief sich nicht auf die Heilige Schrift. Doch ihre öffentliche Haltung zu anderen Gewissensfragen deckt sich durchweg mit der Lehre der Free Church, und man darf sich die Frage stellen, ob ihre säkulare Formulierung echte Argumentation oder eine vorsichtige Umschreibung darstellte.
Jeremy Balfour, unabhängiger Abgeordneter für den Wahlbezirk Lothian, brachte sowohl den Glauben als auch das Thema Behinderung in die Debatte ein. Als ausgebildeter Baptistenpastor, ehemaliger Lobbyist der Evangelischen Allianz und als Mann, der seit seiner Geburt mit einer Behinderung lebt, bat er seine Kollegen unter Tränen, die Folgen des Gesetzentwurfs für die angeblich am stärksten vulnerable Menschen zu bedenken. Den Befürwortern des Gesetzentwurfs fiel es schwer, ihm zu widersprechen, ohne den Eindruck zu erwecken, die Ängste von Menschen mit Behinderung abzutun.
Die Lobbykampagne
Auch die Opposition seitens der Glaubensgemeinschaften war bemerkenswert breit gefächert. Mitglieder der Church of Scotland, Evangelikale der Free Church, Katholiken, Baptisten und muslimische Abgeordnete des schottischen Parlaments stimmten alle mit Nein. In dieser Frage der Sterbehilfe deckte sich die islamische Lehre von der Unantastbarkeit des Lebens mit den Positionen der Evangelikalen und Katholiken, über ethnische, parteipolitische und konfessionelle Grenzen hinweg.
Vor der Abstimmung in der dritten Lesung veröffentlichten führende Persönlichkeiten der Church of Scotland, der römisch-katholischen Kirche, der Free Church, der Heilsarmee und mehrerer evangelikaler Organisationen einen gemeinsamen Brief, in dem sie sich gegen den Gesetzentwurf aussprachen. Die katholischen Bischöfe erklärten, dass echtes Mitgefühl nicht durch die Beendigung eines Lebens zum Ausdruck komme.
Die Humanist Society Scotland argumentierte, dass Kirchen in einem Land, in dem sich gemäss der Volkszählung von 2022 mittlerweile eine Mehrheit als religionslos bezeichnet, einen Zugang zu Politikern hätten, der in keinem Verhältnis zu ihrer Mitgliederzahl stehe.
Die zentrale These der Kirche, dass wahres Mitgefühl darin bestehe, Sterbende zu begleiten, und nicht, ihnen beim Sterben zu helfen, ist in ihrem eigentlichen theologischen Kontext überzeugend. Der institutionellen Energie, die darauf gerichtet war, diesen Gesetzentwurf zu verhindern, stand kein gleichwertiges Engagement für die Finanzierung der angeblichen Alternative – der Palliativpflege – gegenüber, für die sich dieselben Institutionen einsetzen.
Bemerkenswert war, dass das zentrale religiöse Argument die Notwendigkeit war, vulnerable Menschen zu schützen, nicht zuletzt diejenigen mit einer Behinderung. Ganz gleich, ob diese Menschen tatsächlich vulnerabel sind und/oder sich als solche empfinden. Pam Duncan-Glancy, die erste dauerhaft auf einen Rollstuhl angewiesene Abgeordnete im schottischen Parlament («Holyrood»), brachte ihre Befürchtungen aufrichtig zum Ausdruck. Doch das Argument, dass einer urteilsfähigen, sterbenden Person allein aufgrund ihrer Behinderung eine Wahlmöglichkeit verwehrt werden solle, die anderen in identischen medizinischen Umständen zur Verfügung steht, kommt jener behindertenfeindlichen Herablassung gefährlich nah, gegen die sich Behindertenrechtsaktivisten seit Jahrzehnten wehren.
Fazit
Letztendlich war die Ablehnung des Gesetzentwurfs nicht allein darauf zurückzuführen, dass religiöse Lobbyarbeit den demokratischen Willen ausser Kraft gesetzt hätte. Bedenken hinsichtlich Zwangs und der Widerstand von Berufsverbänden spielten ebenfalls eine Rolle. Doch die Geschlossenheit der Abgeordneten mit religiösem Hintergrund, die koordinierte, konfessionsübergreifende Kampagne und der informelle Einfluss hochrangiger Persönlichkeiten in einer nominell neutralen Regierung dürfen bei einer ehrlichen Bilanzierung nicht ausser Acht gelassen werden. Die organisierte Religion in Schottland hat ihre demografische Mehrheit verloren. Bei dieser Abstimmung behielt sie ihren Einfluss. In dieser Diskrepanz liegt die demokratische Kernfrage, die sich nach dieser Abstimmung stellt.
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* Peter Warren ist Geschäftsführer der World Federation of Right to Die Societies (WFRtDS)