AUSTRALIEN / New South Wales – Wo stehen wir bei der Sterbehilfe (Voluntary Assisted Dying, VAD)?
10. Februar 2022
Gastbeitrag von Ian Wood*
Fünf australische Bundesstaaten haben inzwischen ein Gesetz zur Sterbehilfe (Voluntary Assisted Dying, VAD) [1] verabschiedet. In Victoria ist das Gesetz seit Juni 2019 in Kraft, in Westaustralien seit Juli 2021. Die Bundesstaaten Tasmanien, Queensland und Südaustralien haben ihre VAD-Gesetze 2021 verabschiedet. New South Wales (NSW), der einzige Bundesstaat ohne ein solches Gesetz, hat im Unterhaus mit 52 zu 32 Stimmen einen Gesetzentwurf mit Änderungen verabschiedet; dieser soll Anfang 2022 im Oberhaus erörtert werden, wenn der Bericht einer Kurzprüfung durch einen Ausschuss des Oberhauses im Februar vorliegt.
Wird der Gesetzesentwurf für NSW ohne weitere Änderungen verabschiedet, können einige Aspekte im Vergleich zum VAD-Gesetz des Bundesstaats Victoria verbessert werden. Dazu gehört, dass der Arzt das Thema VAD von sich aus ansprechen darf, vorausgesetzt, dass er gleichzeitig auch alle anderen Optionen wie beispielsweise die Palliativversorgung erörtert. Auch Pflegekräfte dürfen in den Sterbehilfe-Prozess einbezogen werden. Die Gesetze in Queensland und Südaustralien schränken die Möglichkeiten von Einrichtungen wie Krankenhäusern sowie Alters- und Pflegeheimen ein, den Zugang zu Informationen über VAD zu verweigern und sehen vor, dass die Heime den Bewohnern den Zugang zu VAD ermöglichen müssen. Diese Bestimmungen sind derzeit auch im Gesetzentwurf von NSW enthalten, müssen jedoch noch vom Oberhaus angenommen und verabschiedet werden.
Zu den wichtigsten Kriterien für den Zugang zu Sterbehilfe in allen Bundesstaaten gehört, dass der Antragsteller über 18 Jahre alt ist, seinen Wohnsitz in Australien hat, urteilsfähig ist, ohne Druck handelt und eine fortgeschrittene, unheilbare, unaufhaltsame und zum Tode führende Krankheit oder ein entsprechender medizinischer Zustand diagnostiziert wurde. Alle Staaten verlangen ausserdem das Vorliegen eines (für die Person unerträglich empfundenes) Leidens. In den meisten Staaten darf die geschätzte Lebenszeit maximal 6 Monate betragen, bei neurodegenerativen Erkrankungen sind es 12 Monate; in Queensland sind es in allen Fällen maximal 12 Monate. In Tasmanien gibt es eine Ausnahmemöglichkeit zu diesen Fristen.
Ich persönlich würde es vorziehen, wenn es keine zeitlichen Begrenzungen für den Zugang gäbe – denn wenn eine Person sich im Endstadium einer Krankheit befindet und das Leiden auch bei einer Lebenserwartung von 13 Monaten oder länger als unerträglich empfindet, ist es grausam, ihr den Zugang zu verweigern. Überdies sind solche Fristen schwer vorherzusagen, es sei denn, der Tod steht unmittelbar bevor. In diesem Fall bleibt möglicherweise gar nicht genug Zeit, um das stark geregelte Antragsverfahren zu durchlaufen, die beiden beteiligten Ärzte aufzusuchen und die erforderlichen Genehmigungen einzuholen.
Offizielle Berichte über die zwei Jahre Erfahrung in Victoria zeigen deutlich den Wert des Zugangs zu VAD. Das Sterben wird als friedlich, gar als schön beschrieben. Im Zusammenhang mit dem Zugang sind einige Probleme deutlich geworden. Eines davon ist die «Schweigeklausel»: Ein Patient muss ein Gespräch über oder einen Antrag auf VAD mit seinem Arzt von sich aus initiieren; der Arzt darf das Thema nicht von sich aus ansprechen. Ein weiteres Problem ist eine gesetzliche Einschränkung des Commonwealth, die es verbietet, in der Telemedizin über Suizid zu sprechen.
Während der Debatte in NSW wurde erneut betont, welche Bedeutung der Sprache in dieser Frage zukommt. Die Abgeordneten, die sich gegen VAD aussprachen, beriefen sich auf die Idee, dass ein Patient, der VAD in Anspruch nimmt, «Gift» einnehme, und obwohl im Gesetzentwurf festgelegt ist, dass es sich nicht um einen eigentlichen Suizid handelt, wurde von «suicide» und «killing» gesprochen. Ich schlage vor, dass andere Länder, die sich mit der Frage der Sterbehilfe befassen, den Begriff «suicide» nicht verwenden und diesen nur für den Tod einer Person verwenden, die eigentlich noch ein Leben vor sich hat. Bei VAD trifft eine Person, die sich aufgrund ihrer Krankheit nicht für das Weiterleben entscheiden kann, eine rationale Entscheidung zwischen zwei Sterbeformen.
Trotz des lautstarken Widerstands der konservativen religiösen Kräfte in allen Bundesstaaten haben fünf von sechs Bundesstaaten Gesetze verabschiedet, und wir hoffen, dass dies auch bei den Schlussabstimmungen in NSW so sein wird.
Die Gruppe, für die ich Sprecher und nationaler Koordinator bin, heisst «Christians Supporting Choice for Voluntary Assisted Dying». Unsere Überzeugung ist: «Wir glauben, dass Menschen mit einer unheilbaren oder hoffnungslosen Krankheit als Zeichen der Liebe und des Mitgefühls die Möglichkeit eines schmerzfreien, friedlichen und würdevollen Todes durch eine legale freiwillige Lebensbeendigung haben sollen.» Unsere Hauptaufgabe besteht darin, bei den Mitgliedern des Parlaments für diese Wahlmöglichkeit am Ende des Lebens zu lobbyieren, zusätzlich zur Palliativmedizin, dies insbesondere unter dem christlichen Aspekt. Wir wissen, dass etwa 75 % der Australier, die sich selbst als Christen bezeichnen, diese Möglichkeit unterstützen. Zu unseren weiteren Aufgaben gehört es, nach Möglichkeit die von der Kirche in den Medien verbreitete Ablehnung von Sterbehilfe durch Fakten und Beweise zu entkräften und Stellungnahmen zu Vernehmlassungen in den verschiedenen Bundesstaaten bezüglich Sterbehilfe abzugeben.
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[1] Anm. d. Redaktion: VAD ist der in Australien geläufige Begriff für Sterbehilfe; er umfasst sowohl die direkte aktive Sterbehilfe als auch die Suizidhilfe.
* Ian Wood ist Mitbegründer und nationaler Koordinator der australischen Sterbehilfegruppe «Christians Supporting Choice for Voluntary Assisted Dying» (ehemals «Christians Supporting Choice for Voluntary Euthanasia»). Er hatte sich schon lange für VAD eingesetzt und trat 2009 an die Öffentlichkeit, als Trevor Bensch, ein Pfarrer im Ruhestand und Krankenhausseelsorger der Kirche, der er angehörte, beschloss, dass Christen, die Sterbehilfe unterstützen, eine Stimme brauchen. Gemeinsam gründeten sie die Gruppe.