BRITISCHE INSELN – Die Geschichte des «Assisted Dying» in Jersey
27. November 2019
Gastkommentar von Michael Talibard*
Die Gruppe End of Life Choices Jersey geht auf eine Initiative von Tanya Tupper und ihrer Mutter Roberta zurück, die Mitglied von Dignitas – Menschenwürdig leben – Menschenwürdig sterben war. Leider gelang es Roberta nicht mehr, die von ihr geplante Reise in die Schweiz zu unternehmen; sie verstarb Anfang des Jahres in Jersey.
Jersey ist nicht Teil des Vereinigten Königreichs. Es gehört zu den Kronbesitzungen der britischen Krone; dies bedeutet, dass unsere Regierung – mit Ausnahme der Verteidigungs- und Aussenpolitik – ihre eigenen Entscheidungen trifft. Daher ist es für Jersey durchaus denkbar, ein Sterbehilfegesetz zu erlassen, ohne auf eine entsprechende Gesetzgebung des Vereinigten Königreiches zu warten – und genau dafür kämpfen wir.
Unsere erste grosse Aktion war eine Petition zuhanden der States of Jersey (d.h. unsere Legislative/Regierung); dabei konnten 1’861 Unterschriften gesammelt werden, mehr als ausreichend, um im Oktober 2018 eine Ministerial Response (eine offizielle Stellungnahme des zuständigen Ministeriums) zu erwirken. Darin verpflichtete sich unser Gesundheitsminister, die gesamte Thematik, einschliesslich der entsprechenden Rechtsordnungen anderer Länder, zu untersuchen und zu prüfen, ob Jersey ein Gesetz erlassen solle. Ein Jahr ist seither vergangen, doch Fortschritte sind kaum zu erkennen.
Im Oktober 2018 organisierten wir eine lokale Vorführung des berührenden Dokumentarfilms «Endgame» über den Patienten Omid und andere. Dessen Regisseur und Produzent Andi Reiss reiste zur Veranstaltung an. Der Film wurde gut aufgenommen, und in den Medien wurde darüber berichtet.
Unsere zwischenzeitlichen Nachforschungen im Jahr 2018 deuten darauf hin, dass wir eine Mehrheit der Members of the States (Parlament) und des Council of Ministers (Regierung) auf unserer Seite haben – allerdings nicht den Gesundheitsminister, wie es scheint.
Im November 2018 luden wir vom Vereinigten Königreich Phil Cheatle von My Death My Decision ein, der vor einer kleinen, aber bedeutenden Gruppe von Members of the States sprach und sie inspirierte. Die Scrutiny Panels sind ein ähnlich einer Opposition funktionierendes Gremium in Jersey, und im März 2019 trafen wir uns mit dem Health Scrutiny Panel, das ein beachtliches Mass an Unterstützung zum Ausdruck brachte.
Als nächstes gaben wir zwei professionelle Meinungsumfragen in Auftrag. Die eine erfolgte in der breiten Bevölkerung und wurde im Juli 2019 veröffentlicht; die andere erfolgte unter den Ärzten der Insel im September. Die Bevölkerungsumfrage ergab Antworten von 1’420 Inselbewohnern – ein höherer Bevölkerungsanteil, als dies bei Umfragen normalerweise der Fall ist. Da es in diesem Bereich nie ein einfaches Ja/Nein geben kann, skizzierten wir vier verschiedene Patientenszenarien. Die Ergebnisse variierten je nach Szenario – jedoch nicht allzu sehr: Zwischen 86.5% und 92% der Befragten waren der Ansicht, dass Assisted Dying bis zu einem gewissen Grad akzeptabel wäre.
Ähnliche Fragen gingen an die Ärzte der Insel, und etwa die Hälfte von ihnen antwortete. Die Mehrheit der Befragten unterstützen Assisted Dying; allerdings war der Anteil der Befürworter geringer als in der Bevölkerungsumfrage, und es war eine gewisse Polarisierung zu erkennen. Wir fragten die Ärzte, ob sie im Falle einer Gesetzgebung, die rechtliche oder berufliche Risiken ausschliesst, bereit wären, diesen Patienten zu helfen, ihr Leben zu beenden. 42% gaben an, dass sie dies manchmal oder immer tun würden, und weitere 20% gelegentlich; die übrigen 38% gaben an, dass sie dies nie tun würden.
Die Ergebnisse ermutigen uns. Die Unterstützung in der Öffentlichkeit ist überwältigend. Was die Ärzte betrifft, so sind die meisten auf unserer Seite: es ist nicht nötig, dass alle Ärzte selber Sterbehilfe leisten; sie brauchen nur die Personen weiter zu verweisen, da es sich immer um eine Spezialisierung handeln würde, bei der es um eine sehr geringe Anzahl von Patienten geht.
Als nächstes kam unsere öffentliche Debatte. Wir mieteten das Jersey Arts Centre theatre, das voll besetzt war, für eine Debatte zwischen Silvan Luley von Dignitas und Gavin Ashenden, einem vor Ort bekannten Geistlichen und Zeitungskolumnisten. Die Debatte wurde auf intelligente und zivilisierte Weise geführt, im Allgemeinen als großer Erfolg gewertet und in den lokalen Medien ausführlich dargestellt. Silvans Argumente wurden gut aufgenommen, und eine Publikumsabstimmung ergab schliesslich 166 Ja-Stimmen bei nur 35 Nein-Stimmen und 27 Enthaltungen.
Während er auf der Insel war, hatte Silvan auch sehr nützliche Treffen sowohl mit hochrangigen Beamten unseres Gesundheitsdepartements als auch mit unserem Chief Medical Officer, der sich bereit erklärte, uns zu helfen, so viele Ärzte wie möglich für ein künftiges Treffen mit Dignitas zu gewinnen. Ärzte stossen zwar auf Hindernisse, von Berufsverbänden und bei der Versicherung, aber unsere Strategie besteht darin, zuerst ein Gesetz zu erlassen und anschliessend die verbleibenden Probleme anzugehen.
Nun… lass die Geschichte ihren Lauf nehmen!
*Michael Talibard ist Mitglied von EoLC (End of Life Choices) Jersey, einer Gruppe von Aktivisten, die sich für das selbstbestimmte Lebensende einsetzt
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Referenzen (in englischer Sprache):
End of Life Choices Jersey auf Facebook
Research Report for End of Life Choices Jersey
Doctors Research Report for End of Life Choices Jersey